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Kirchliche Feiertage geben dem Leben Sinn und Orientierung

Jan Vicari sprach mit stern TV

Essen, 25.03.2025. Vor einigen Tagen hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Abschaffung eines Feiertages gefordert und damit eine öffentliche Debatte ausgelöst. Durch die Abschaffung eines Feiertages, so die Argumentation, ließe sich das gerade beschlossene Schuldenpaket der Bundesregierung teilweise „gegenfinanzieren“, die schwächelnde Wirtschaftsleistung merklich steigern und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um bis zu 8,6 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen.

Die beiden großen christlichen Kirchen stehen dem Vorschlag ablehnend gegenüber – so auch der Essener Citykirchenpfarrer Jan Vicari, der einem Team von stern TV, das am Dienstag verschiedene Arbeitnehmer in Essen nach ihrer Meinung fragte, ein Interview gab. Die Frage „Noch mehr arbeiten? Warum Wirtschaftsexperten einen Feiertag abschaffen wollen“ ist ein Thema in der Sendung am Mittwoch, 26. März, live um 22.35 Uhr auf RTL – dort können Sie das Gespräch mit Jan Vicari sehen. Seine Haltung – und wie er sie begründet – geben die folgenden Antworten wieder:

WAS HALTEN SIE VON DER VORGESCHLAGENEN STREICHUNG EINES FEIERTAGS?

Feiertage erinnern uns daran: Das Leben ist nicht nur zum Arbeiten da. Wir sind nicht als Maschinen erschaffen, sondern als Geschöpfe, die auch genießen und sich am Leben freuen.

Unsere Arbeitswelt wird immer schneller und hektischer. Alle müssen wir viel geben, erreichbar sein, mit Unsicherheiten umgehen, uns flexibel anpassen. Ich glaube deswegen, dass das Gegenteil zutrifft: Es wird sogar immer wichtiger, genug zu pausieren, sich zu erholen, Kräfte zu sammeln.

Unsere Feiertage sind genau dafür so unabdingbar wichtig. Sie sind gemeinsame Ruhezeiten von uns als Gesellschaft und geben uns einen gemeinsamen Rhythmus aus Machen und Nichts-Machen. Das ist wichtig für Gesundheit, Zufriedenheit und Lebenssinn. Und damit tragen sie – durch die ökonomische Brille gesehen – genauso zur Produktivität bei. Denn nur wer gut erholt und gesund zur Arbeit kommt, der kann wieder richtig loslegen.

WIE ERLEBEN SIE DIE MENSCHEN, DIE IHNEN BEGEGNEN, IM HINBLICK AUF IHRE ARBEITSWELT?

Mir als Pfarrer begegnen viele Menschen, die mit den harten Anforderungen des Arbeitslebens kämpfen. Meiner Meinung nach ist es ein Irrglaube, dass wir unsere Produktivität und Wirtschaftskraft immer weiter steigern können, wenn wir nur mehr Zeit bei der Arbeit verbringen.

Viele, besonders aus meiner Generation, denken darüber nach, wie wir weniger arbeiten können - bzw. wir wir sicherstellen können, dass die Zeit mit Freunden, mit Kindern, mit Partner*innen einen festen Platz im Leben hat, und das regelmäßig und möglichst störungsfrei.

ABER EINE MEHRHEIT IST NICHT MEHR IN EINER DER KIRCHEN UND TROTZDEM SOLLEN ALLE CHRISTLICHEN FEIERTAGE BLEIBEN?

Es bleiben ja gar nicht alle. Mit demselben Argument wie jetzt wieder ist der Buß- und Bettag in den Neunzigern abgeschafft worden, um die Pflegeversicherung zu finanzieren. Und die Frage, ob wir andere Feiertage bräuchten, aus anderen Religionen und Kulturen, wäre eine ganz eigene Diskussion, für die ich offen wäre!

Ich finde: niemand verdient sich Feiertage durch die Zahlung von Kirchensteuern. Und wahrscheinlich ist noch niemand aus Protest gegen zu viele Feiertage aus der Kirche ausgetreten. Feiertage sollen allen zugutekommen. Natürlich dürfen wir in einer freiheitlichen Gesellschaft unterschiedlich über ihre Inhalte und Ursprünge denken.

Wir Christinnen und Christen feiern an diesen Tagen Geschichten, die dem Leben Sinn und Orientierung geben: Weihnachten ermutigt uns, dem unscheinbar Kleinen alles zuzutrauen, sogar dass uns Gott darin begegnet. Ostern ruft uns auf, gegen die scheinbar allmächtigen Todesmächte aufzustehen – weil am Ende die Liebe und das Leben gewinnt. Pfingsten lässt uns fragen, wovon wir begeistert sind und wie uns das mit anderen verbindet. Alles das sind Angebote, über den Lebenssinn nachzusinnen.

Und wer statt Nachsinnen den Lebensgenuss im Sinn hat, soll und darf das tun - weil Genießen und Freuen zum Geschenk des Lebens dazugehört.

 

 

 

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